Städtisches / Geschichte
Die Salzwedeler Geschichte ausführlich | Salzwedels Sagen | Salzwedeler Baumkuchen
"Salzwedel sagenhaft..." Sagen und sagenhafte Geschichten aus Salzwedel
Gesammelt und bearbeitet von Arno Sommerfeld
"Salzwedel sagenhaft...", die Überschrift lässt aufmerken, "sagenhaft", das heißt doch soviel wie erstaunlich. Natürlich, das soll es auch heißen! Salzwedel ist ganz sicher eine erstaunliche Stadt, davon sind die Salzwedeler überzeugt und davon können sich die Gäste immer wieder überzeugen. "Sagenhaft" soll hier aber auch darauf hinweisen, dass Salzwedel viele schöne, auch einige schreckliche, mehr oder weniger bekannte Sagen und sagenhafte Geschichte besitzt. An der Warthe, gegenüber dem Duft- und Tastgarten, werden seit Neuestem einige in sehenswerten "Hütten" anschaulich vorgestellt. Nehmen wir mal an, die Sagengestalten würden einen Kreis bilden und wir erzählen der Reihe nach ihre Geschichten ...
Der Riese Jan Kahle ist der Größte, also müssen wir mit ihm beginnen...
Der Riese Jan Kahle und der schiefe Turm der Marienkirche
Wie Seeben zu seinem Namen kam
Der schändliche Verrat der Gastfreundschaft
Himmlische Hilfe oder Engel auf der Stadtmauer
Die mörderische Jungfrau im Karlsturm
Wie ein schlauer Bauer den Stadtwächter reinlegte
Der bestrafte Meineidige der Neustadt Salzwedel
Das hilfreiche Wundermittel
Der Markgraf und die schöne Brietzer Schulzenfrau
Gottesurteil für einen Elternmörder
Der Name der Hansestadt Salzwedel
Die sichere Freistatt in der Heilig-Geist-Kirche
Spuk in der Tischlerwerkstatt
Klaus Schulze mit den schwarzen Füßen
Der jähzornige Glockengießer aus Salzwedel
Der bestrafte Schäfer
Der seltsame Streit um den Dumme-Kanal
Der Teufel von Salzwedel
Wie Eulenspiegel in Salzwedel drei Schneidergesellen narrte
Die goldenen Kohlen
Der Riese Jan Kahle und der schiefe Turm der Marienkirche
Viele Wege führen nach Salzwedel, aber egal aus welcher Himmelsrichtung man sich der alten Handels- und Hansestadt nähert, immer wird man den hohen schiefen Turm der Marienkirche sehen können. Mit Kupferplatten neu eingedeckt und mit Gold verziert strahlt er weithin ins Land.
Aber warum ist er so schief ? Wem hat die Jeetzestadt ihr "schiefes" Wahrzeichen zu verdanken ?
In der Altmark gab es einst mehrere Riesen, einer von ihnen, Jan Kahle, lebte mit seiner schönen Frau Seba in einem dichten Wald bei Seeben, wenn er nicht gerade im benachbarten Wendland sein Unwesen trieb. Eventuell war er auch ein heidnischer Wendenfürst, das würde erklären, weshalb er so eine wilde Wut auf christliche Gotteshäuser hatte und ihm besonders die hohen Kirchtürme ins Auge stachen. Vielleicht wollte er aber nur mal ab und an seinen "Riesenspaß" haben...?
Als die Salzwedeler Bürger ihrer Kirche Unserer lieben Frauen, so hieß die Marienkirche vor der Reformation, einen mächtig hohen Helm aufsetzten, so dass der Turm über 85 m hoch aufragte, lief dem Riesen vor Zorn bei diesem Anblick die Galle über. Er nahm wütend einen gewaltigen Stein und schleuderte ihn in Richtung des weithin sichtbaren Turmes, um diesen "Menschenzwergen" zu lehren, wer allein so groß sein durfte! Hätte er getroffen, wäre es dem Turm und der Kirche, ja wohl der ganzen Stadt, schlimm ergangen, aber er war entweder blind vor Wut oder konnte besser werfen als zielen. Der Stein schlug nahe beim Gotteshaus nieder und riss ein mächtiges Loch auf, das später voll Wasser lief und heute als Pfefferteich bekannt ist. Der Luftzug und die Wucht des Aufpralls waren jedoch so stark, dass die alten Bäume schwankten, der Boden bebte und alle Salzwedeler mächtig erschraken. Der neu errichtete Kirchturm hielt den Erschütterungen stand, wurde aber so bewegt, dass er sich krümmte und so schief stehen blieb, wie wir ihn heute noch bestaunen können.
Zuerst waren die Salzwedeler Bürger über diesen Riesenstreich sehr aufgebracht, aber dann stellten sie fest, dass der schiefe Turm ein weithin sichtbares Augenmerk für sich der Stadt nähernde Reisende darstellte und sie freundeten sich mit dem Anblick an. Ja, sie erfanden, um den erfolglosen Steinewerfer zu ärgern, noch andere Geschichten, weshalb der Turm schief steht. So die von der Braut, die keine Jungfrau mehr war, als sie vor dem Traualtar der Marienkirche ihr Jawort gab und der Turm sich deshalb empört krümmte... Selbst heute, fragen sie mal Gästeführer der Stadt, kommen neue Geschichten hinzu.
Auch der Riese Jan Kahle machte weitere "Geschichten", und bewies noch öfter seine wilde Wut und starke Wurfkraft, aber auch seine Unfähigkeit, zu treffen, so ...
Wie Seeben zu seinem Namen kam
... in Kuhfelde, wo er nur Kühe auf der
Weide traf, daher wohl auch der Name des Dorfes. Schließlich hatten
sich die Salzwedeler Bürger, der Markgraf und seine Leute zusammen
getan und wollten ihm endlich eine Lehre erteilen. Es gelang ihnen auch
tatsächlich seine Frau Seba in einen Hinterhalt zu locken, sie zu
entführen und in das sichere Verlies des Burgturmes einzusperren.
Sehr sehr lange suchte der Riese seine Frau, konnte sie aber nirgends
finden. Dann war er wohl irgendwann der ewigen Suche und Fehde gegen die
Menschen müde geworden und ließ alle Vorsicht außer Acht.
Er nahm eine Einladung des Salzwedeler Markgrafen an und erschien auf
der Burg zum Versöhnungsmahl. Dabei musste er seine Waffen abgeben.
Das wurde ihm zum Verhängnis, denn plötzlich stürmten von
allen Seiten Krieger auf ihn ein, nahmen ihn, trotz heftigster Gegenwehr,
gefangen und warfen ihn in das ausbruchsichere Burgverlies.
Wer beschreibt sein Erstaunen, als er dort seine schon verloren geglaubte
Frau sah! Erst war er froh, doch dann packte ihn eine Riesenwut, so dass
er am liebsten die Wände eingerannt hätte. Da das Burgverlies
aber über 3 m starke Mauern besitzt, hätte er sich dabei bestimmt
selbst seinen harten Riesenschädel eingeschlagen.
Jan Kahle sann lange auf Rache und schließlich gelang ihm die Flucht
mit Hilfe eines guten Freundes. Eilig sammelte er ein Heer, zog gegen
die Burg und befreite seine Frau. Sie war aber schon so schwach, dass
sie zu seinem großen Schmerz auf der Flucht in Richtung Westen in
seinen Armen verschied.
Den heidnischen Riesen schien dieser schwere Verlust total durcheinander
gebracht zu haben, denn er beerdigte sie und soll dann auf ihrem Grab
eine christliche Kirche errichtet haben. Daneben siedelte er noch einige
seiner Mitstreiter an und so entstand der Ort Seba, aus dem später
Seeben wurde.
Jan Kahle selbst wurde später in der Nähe von Seeben im Wald
begraben und noch lange kannte man in der Gegend den Hügel, "den
groten Hansen siin graft" genannt, der die Grabstätte des Riesen
sein sollte.
Lassen wir den Riesen in Frieden ruhen, auf der Burg zu Salzwedel passierten
aber noch schrecklichere Dinge, ein Markgraf...
Der schändliche Verrat der Gastfreundschaft
... Gero, der auf der stolzen Salzwedeler Burg residierte,
war bemüht, die heidnischen Wenden zu besiegen, die zu seiner Zeit
noch die christliche Altmark bedrohten. Da er sie im direkten Kampfe nicht
immer treffen konnte, wandte er schließlich eine schändliche
List an und ließ dreißig ihrer Fürsten zum Gastmahl einladen.
Sie ahnten nichts Böses, und sagten ihr Kommen an, hatte es doch
schon lange keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr gegeben.
Wie üblich bei so einem Gastmahl legten die Gäste vor Betreten
des Saales ihre Waffen ab und setzten sich erwartungsvoll an die gedeckten
Tische. Sie hofften, mit dem Markgrafen bei dieser Gelegenheit endlich
auch eine friedliche Einigung der immer wieder aufflackernden Feindseligkeiten
aushandeln zu können. Das Festmahl mundete allen, Bier und Wein schmeckten
vorzüglich, und sie überlegten sich gerade die rechten Worte,
um mit Gero zu sprechen, als plötzlich, auf dessen Zeichen hin bewaffnete
Knechte und Burgmannen hereinstürmten und mit ihren Schwertern ein
grauenvolles Blutbad unter ihnen anrichteten. An Widerstand war nicht
zu denken und schon in kürzester Zeit war die Mordtat vollbracht.
Die Wendenfürsten lagen in ihrem Blut, das überall zu sehen
war, auf dem Boden und an den Wänden. Das Mauerwerk färbte sich
rot davon und jeder Versuch, die Blutflecken später abzuwaschen,
misslang. Diese Blutflecke, sichtbare Zeichen des schändlichen Verrates,
des schlimmen Bruchs der Gastfreundschaft, waren noch Jahrhunderte lang
zu sehen und mahnten und erinnerten an die grausige Freveltat.
Einige sagenhaften Zeichen überdauerten ebenfalls lange, man könnte
heute noch nach ihnen suchen, wie die Sage von den hilfreichen Engeln
uns überliefert. Denn ...
Himmlische Hilfe oder Engel auf der Stadtmauer
... die reiche Handels- und Hansestadt Salzwedel wurde
einst von einem Grafen Hoyer hart belagert und die Bürger wehrten
sich lange mit aller Kraft.
Doch vielleicht wären sie trotzdem unterlegen, wenn nicht hilfreiche
Engel auf der Stadtmauer hin und hergelaufen wären und die Brandpfeile
im Flug aufgefangen hätten. So konnten diese nicht bis in die Stadt
fliegen und die Häuser, die aus Holz gebaut und zum Teil noch mit
Stroh gedeckt waren, entzünden. Als die Belagerer sahen, dass ihre
Waffen keine Wirkung zeigten gaben sie schließlich auf. Der Heerführer
erboste über diese "himmlische Abwehr" und die erfolglose
Belagerung so sehr, dass er sein Schwert erhob und schrie: "Soll
ich die Stadt nicht gewinnen, so gebe Gott, dass ich in diesen Stein haue
wie in einen Butterweck." Als er nun zuschlug, gab der Stein nach
als ob er ganz weich wäre und sein Schwert fuhr tief hinein. Wer
den Stein findet, er soll in der Nähe von Tylsen liegen, könnte
heute noch die sagenhafte Kerbe bestaunen.
Die hilfreichen Engel auf der Stadtmauer wurden schon lange nicht mehr
gesehen, aber den Karlsturm, der gerade eine wohlgestaltete "Kopfbedeckung"
erhalten hat, kann man schnell finden. Er war Teil einer Toranlage und...
Die mörderische Jungfrau im Karlsturm
... ehedem soll in diesem Turme im tiefen dunklen Kellergewölbe
eine spanische Jungfrau gewesen sein, welche nach Art der französischen
Dublietten, die unter Richelieus Ministerschaft als Ersatzhenker dienten,
die herabgestoßenen Todesopfer in tausend Stücke schnitt. Da
dieser Hinweis im Originaltext keine weiteren Bemerkungen enthält,
sind sagenhaften Auslegungen Tür und Tor geöffnet ...
Kann mit einer "spanischen Jungfrau" eventuell nur ein Folterinstrument
gemeint sein, das aus Eisen gefertigt war und wie ein Schrank aufgeklappt
werden konnte? Im Innern wurde es mit spitzen Nägeln ausgestattet,
die sich dem zum Tode Verurteilten, der darin eingesperrt wurde, überall
durch den Körper bohrten. Wohl doch nicht, denn Historiker bezweifeln
die Existenz dieses schrecklichen Instrumentes. Andererseits, warum sollte
eine so friedliebende Stadt wie Salzwedel einen Bedarf an solchen lebensgefährlichen
"Jungfrauen" gehabt haben? Sie hatte treue Wächter, die
aufpassten, dass niemand mit bösartigen Absichten in die Stadt kommen
konnte, auch nicht, wenn er bloß den Torzoll nicht entrichten wollte,
wie ...
Wie ein schlauer Bauer den Stadtwächter reinlegte
... der Bauer, der das trotzdem schaffte. Dies soll eine
wahre Geschichte sein, also keine Sage. Obwohl man sagt, dass Sagen ja
oft einen wahren Kern besitzen... Sagenhaft ist sie jedenfalls!
In der Steintorstraße in Salzwedel lebte einst ein fleißiger
Bauer, der einmal auf dem Heimweg nach der schweren Feldarbeit außerhalb
der Stadtmauern Pferdeäpfel fand und sie in einen Sack auflas. Dadurch
verpasste er das Feierabendläuten und das Steintor war bereits geschlossen.
Kräftig zog er an der Torklingel und es dauerte eine Weile, bis sich
das Tor öffnete.
Brummend ließ der Torwächter ihn eintreten, verlangte aber,
um sich für die Ruhestörung zu rächen, oder eventuell irgendeinen
Grund für Zoll- oder Steuerabgaben zu finden, dass er seinen gefüllten
Sack in der Wachstube entleeren solle.
Der Bauer lächelte nur und schüttete den Sack aus. Naserümpfend
und schimpfend verlangte der Wächter sogleich, dass er den "duftenden"
Inhalt gleich wieder einsammeln sollte, aber das habe er nicht verlangt,
lachte der Bauer und eilte davon.
Einige Zeit später schlachtete der Bauer auf seiner Weide heimlich
ein Kälbchen und um die hohe Schlachtsteuer zu sparen, steckte er
das Tier in einen Sack und ging wieder spät zum Stadttor zurück.
Ärgerlich ließ ihn der Wächter ein, aber als der Bauer
sich anschickte, den Sack wieder zu entleeren, fragte der Wächter
erst vorsichtig, was denn drin sei. "Diesmal Kuhfladen", gab
der Bauer ihm Bescheid. "Verschwinde!" rief der Wächter
wütend, denn er hatte die Pferdeäpfel noch nicht vergessen.
So konnte der schlaue Bauer sein Kälbchen nach Hause bringen, ohne
die Steuer bezahlen zu müssen und ohne dafür eine Strafe zu
bekommen. Doch manchmal muss Strafe einfach sein, wie folgende Sage uns
beweist. Einst lebte ...
Der bestrafte Meineidige der Neustadt Salzwedel
... in der Neustadt Salzwedel, die 1247 vor den Mauern
der Altstadt gegründet worden war, ein Bürger, der sich fünfzig
Dukaten borgte. Oder Taler, jedenfalls fünfzig Geldstücke, so
überliefert es die Sage. Abgesprochen und mit Handschlag wurde besiegelt,
dass er diese Schuldsumme nach einigen Monaten wieder zurückzahlen
sollte. Doch da die Zeit der Rückgabe verstrich, und er keine Anstalten
machte, die Absprache einzuhalten, forderte der Gläubiger ihn auf,
seine Schuld zu begleichen. Wie groß war jedoch sein Erstaunen,
als er hörte, dass er das Geld doch schon längst zurück
erhalten hätte!
Das konnte doch nicht wahr sein! Er versuchte es noch einmal im Guten,
doch erhielt er wieder die gleiche Antwort. Da blieb ihm in seiner Ratlosigkeit
nichts anderes übrig, als zum Gericht zu gehen und den Schuldner
zu verklagen.
Als es zur Verhandlung kam, bat der Angeklagte den Kläger, einmal
kurz seinen Spazierstock zu halten und dann schwor er, dass er unschuldig
sei und das Geld bereits zurück gegeben habe. Was sollte der Richter
machen, der Schwur galt und er ließ ihn frei. Der Gläubiger
wurde schief angesehen und war noch mehr ratlos und überaus wütend.
Doch die Gerechtigkeit kam bereits angefahren - als der Betrüger
zufrieden nach Hause gehen wollte, kam ihm plötzlich mit hoher Geschwindigkeit
ein Pferdewagen entgegen. Die Tiere waren scheu geworden und ehe er ausweichen
konnte, rannten sie ihn um und er wurde von den Rädern erfasst. Nach
kurzer Zeit verstarb er qualvoll noch am Unglücksort.
Bei dem tragischen Unfall war sein Stock ebenfalls unter die Räder
gekommen und zerbrochen. Da rollten die fünfzig Taler (oder Dukaten)
heraus, die er geschickt darin verborgen hatte. Damit hatte er ja sogar,
als er ihn im Gericht dem Gläubiger zum Halten gegeben, die Wahrheit
gesprochen ! Trotzdem war es ein hinterlistiger und böser Streich
und als der "Meineidige der Neustadt zu Salzwedel" ist er allen
bekannt geworden.
In der Katharinenkirche der Neustadt Salzwedel soll früher noch ein
Bild vom Meineidigen zur Warnung für alle Bürger zu sehen gewesen
sein, aber im Laufe der Jahrhunderte verblasste es wohl und verschwand
gänzlich.
Gänzlich verschwunden sind heute auch Einhörner, diese sagenhaften
Wunderwesen, die einst sogar noch in der Nähe von Salzwedel zu finden
waren, wie die nächste Sage berichtet.
In der Altstadt Salzwedel erkrankte einst ein Junge an
einer unbekannten Krankheit und es ging ihm von Tag zu Tag schlechter.
Die Eltern baten verzweifelt viele Ärzte um Hilfe, aber keiner wusste
Hilfe. Obwohl die Mutter keinen Gottesdienst verpasste und um das Leben
ihres Kindes betete, änderte sich der böse Zustand des Kindes
nicht. Er war in eine Ohnmacht gefallen und schien kaum noch zu leben.
Schließlich bat sie den ehrwürdigen Magister Prätorius
(den gab es wirklich !) um Rat und der wies sie erst auch nur auf festes
Gottvertrauen hin, als sie aber weinend rief, dass sie schon alles versucht
hätten und keine Hilfe zu sehen sei, bekam er Mitleid und offenbarte
ihr ein uraltes Geheimnis.
Nur ein Wundermittel könne noch helfen, und zwar das goldene Horn
eines Einhorns. Das sei in der Lage Gifte abzuwehren und Krankheiten zu
besiegen. Dazu muss eine keusche und mutige Jungfrau gefunden und mit
Musik das Tier angelockt werden. Die Jungfrau fand sich schnell und es
mutete wie ein Wunder an, als man im Stadtforst auch gleich die Fährte
eines Einhorns ausmachte. Viel Volk, die alle helfen wollten, zog mit
Gesang und Musik und festen Stricken in den Wald. Plötzlich tauchte
tatsächlich ein Tier mit einem Horn auf der Stirn auf und näherte
sich zögernd. Zur Jungfrau fasste es sogleich Vertrauen, kniete sich
vor ihr ins Gras und ließ sich streicheln. Schweigend verharrten
alle, um das Wunder nicht zu stören. Schließlich legte das
Tier sogar seinen Kopf mit dem goldenen Horn in den Schoß des Mädchens
und schlief ein. Da fesselten zwei mutige Männer hastig das Tier
mit Stricken und legten es außerdem noch in Eisenketten. Die Jungfrau
aber hatte Mitleid mit dem wunderschönen Einhorn, weinte und eine
große Träne fiel auf seinen Kopf. Da erwachte es und spürte
die Fesseln. Mit wildem Schrei versuchte es sich zu lösen, die Stricke
rissen, aber die Ketten hielten stand. Da bäumte sich das Tier erneut
hoch auf und auch die eisernen Fesseln sprangen auseinander. Wie ein Blitz
verschwand es dann im Dickicht.
Doch was war das? In den Ketten hing ein goldenes Horn! Es musste bei
dem Kampf abgebrochen sein. Schnell holte man den Jungen und er musste
das Wunderhorn berühren. Tatsächlich genas er wieder und alle,
die dabei waren, glaubten an ein Wunder Gottes.
Ganz ohne ein Wunder, nur mit Ausdauer, erlangte einst der Schulze zu
Brietz großen Reichtum, als er ...
Der Markgraf und die schöne Brietzer Schulzenfrau
... sich mit einem Markgrafen gütig verständigte.
Die Markgrafen auf der Burg zu Salzwedel hatten nicht immer nur ihre Nordmark
(erst später ab 1304 Altmark genannt) zu verteidigen, manchmal nahmen
sie sich auch Zeit, ihre weiten Besitztümer anzuschauen. Dabei fiel
einem von ihnen, der Name ist nicht überliefert, die Schulzenfrau
zu Brietz auf, einem Dorf nahe der Stadt, die ein besonders schönes
Weib war. Mit Versprechungen und Geschenken schaffte er es wohl, sie für
sich zu gewinnen und heimlich trafen sie sich dann des Öfteren, wenn
ihr Mann nicht da war, in ihrem Hause.
Einmal geschah es nun, dass ihr Gemahl, der Dorfschulze, sie dabei doch
überraschte. Das war verständlicherweise dem Markgrafen gar
nicht Recht und er bat den Schulzen, von dem er wusste, dass der gierig
auf jede Handvoll Besitz war, eine Viertelstunde lang fortzugehen und
in dieser Zeit ein Stück Wald aus dem Salzwedeler Stadtforst zu umrunden,
das ihm dann rechtens für alle Zeit gehören sollte. Der Schulze,
erfreut über dieses in seinen Augen großzügige Angebot,
vergaß sofort, was er gerade alles so gesehen hatte, und eilte hastig
davon. Der Markgraf und die Schulzenfrau konnten sich wieder ungestört
ihrer liebevollen Unterhaltung widmen...
Als nun die Zeit wie im schnellen Lauf verging und der atemlose Dorfschulze
keuchend ins Haus trat, war er dem Markgrafen doch noch zu früh gekommen.
Er überredete daher den habgierigen Schulzen leicht, sich noch einmal
unter den gleichen Bedingungen auf den Weg zu machen, um seinen "laufend"
erworbenen neuen Reichtum noch zu vermehren, und schon verschwand der
wieder eilig in Richtung Waldgebiet. Der Markgraf sah ihm nicht lange
hinterher ...
So kam es, dass ein nicht geringer Teil des Salzwedeler Stadtforstes an
den Brietzer Schulzenhof überschrieben wurde und für alle Zeiten
auch seinen Nachkommen als rechtschaffen erworbener Besitz gehörte.
Weniger rechtschaffen wollte ...
Gottesurteil für einen Elternmörder
... Dietrich Schulze, ein sonst eigentlich unbescholtener
junger Kaufdiener aus der Neustadt Salzwedel, zu Geld kommen und ermordete
am 15. April 1614 unter einem dunklen Torwege in der Nähe der Nicolaikirche
seinen Vater mit vier und seine Mutter mit drei tiefen Messer- oder Degenstichen.
Er wurde gefasst, zum Tode verurteilt und bereits drei Wochen später,
am 4. Mai wurde das Urteil vollzogen. Diese schreckliche Tat geschah wirklich,
sie ist in Hoppes "Soltquellensien" nachzulesen. Dabei soll
er einer unbestätigten Überlieferung nach mit dem Hinweis, dass
er doch jetzt eine arme Waise sei, die Richter um Gnade angefleht haben.
Die rechte Hand, mit der er die schreckliche Mordtat begangen hatte, wurde
ihm zuerst abgehackt. Der Sage nach soll diese abgehauene "Mörderhand"
noch drei Tage lang stark geblutet haben und so ein eindeutiges Zeichen,
sprich Gottesurteil, dafür gewesen sein, dass er die Mordtat tatsächlich
begangen hatte und die Strafe deshalb auch verdient und gerechtfertigt
war. So wurde er mit glühenden Zangen am ganzen Körper schmerzhaft
bis auf die Knochen gezwackt und anschließend auf einer Schleife
zur Gerichtsstätte gezogen und gerädert. Mit Sicherheit überlebte
er die grausame Tortur nicht.
Eine schlimme Geschichte, sicher hätte Dietrich Schulze nicht mal
bei den Mönchen im Perver Hilfe bekommen, die neben der einst mächtigen
Klosterkirche zum Heiligen Geist (St. Spiritus) lebten, ...
Die sichere Freistatt
in der Heilig-Geist-Kirche
... von der heute leider nur noch der umgebaute geschlossene
Chor als Kapelle zu sehen ist. Das Kloster der Mönche, es waren Augustiner-Chorherren,
stand nahe der Amtsstraße, an der heutigen Klosterstraße.
Der architektonisch wertvolle, in Backstein ausgeführte Rundbau der
ehemaligen mächtigen Stiftskirche musste leider 1792 wegen Baufälligkeit
abgerissen werden.
Eine Sage weiß zu berichten, dass sich im Kloster zum Heiligen Geist
einst ein sogenanntes Freihaus befand, eine Freistatt, ein sicherer Ort
für Flüchtlinge, und zwar konnten sich hier Verfolgte in den
zwischen den Strebepfeilern angebauten Hüttchen, kleinen Verstecken,
ohne Angst um ihr Leben verbergen und längere Zeit mit Hilfe und
Unterstützung der barmherzigen Mönche, aushalten.
Wie schnell verschwindet selbst so eine nachahmenswerte Geschichte aus
unserem Gedächtnis, man braucht da gar nicht bis zu den alten Römern
zurückgehen, die die Hansestadt Salzwedel vielleicht einst ...
... gegründet haben. Der Name der Hansestadt Salzwedel
hatte nämlich im Laufe der Geschichte verschiedene Deutungen, die
älteste, "Salzquelle", hielt sich sehr lange. Später
kam "Sonnenhaus" ("wedel" gleich Haus) dazu und noch
später, nach Erklärung des Wortteils "wedel" als Furt
und Übergang, Salzfurt. Das "Salz" kam von der bekannten
Salzstraße, die von Lüneburg nach Magdeburg über den Fluss
Jeetze führte. Es gibt aber auch noch eine, - zugegeben sagenhafte
- , Namenserklärung. Der römische Kaiser Julius Cäsar soll
nämlich einer Sage nach im eroberten Germanien zu Ehren der sieben
bekannten Planeten (seiner Zeit) sieben Städte erbaut haben, nämlich
Merseburg zu Ehren des Mars, Lüneburg zu Ehren des Mondes (Luna),
Magdeburg zu Ehren der reizenden Venus (Magd-Mägdelein) und Salzwedel
(damals Soltwidele) zu Ehren der lebensspendenden Sonne (Sol). Damit würde
die Hansestadt Salzwedel eigentlich "Sonnenstadt" heißen und
somit "sagenhaft" an Bedeutung gewinnen.
Einst soll in Salzwedel auch ein Sonnentempel römischer Bauart gestanden
haben, der diese Geschichte bestätigt hätte, wenn er nicht,
der Überlieferung nach, von Karl dem Großen zerstört worden
wäre.
Diese "römische" Deutung des Namens Salzwedel galt unter
den Geschichtsschreibern lange Zeit als zutreffend und wurde immer wieder
überliefert. Sollte uns also nicht zu denken geben, dass man bei
archäologischen Untersuchungen im Stadtgebiet sogar römische
Scherben fand ?
Zu denken sollte uns auch die nächste Sage geben, ein lasterhafter
Lebenswandel kann nie gut enden. In Salzwedel ...
... lebte einst ein fleißiger Tischler, der nur einen
einzigen Sohn hatte. Dieser brachte den Eltern jedoch keine Freude, im
Gegenteil, er bereitete ihnen nur Kummer und schweres "Herzeleid".
Trotz vieler guter väterlicher Ermahnungen und heißer Muttertränen
ließ er nicht ab von einem lasterhaften Lebenswandel. Statt ehrlich
und rechtschaffen in der Werkstatt zu arbeiten, vergnügte er sich
lieber in den zahlreichen Gasthäusern der Stadt, trank viel zu viel
Soltmann, das bekannte Salzwedeler Bier, und kam manchmal gar nicht nach
Hause, weil er sich noch mit liederlichen Dirnen eingelassen hatte.
Doch wie so oft im wirklichen Leben, die gerechte Strafe folgte bald!
Es dauerte nicht lange, und er wurde in Folge seines verderblichen Lebenswandels
so schwer krank, dass er sich niederlegte und starb. Das Leid und die
Trauer der Eltern waren groß, obwohl er ihnen keine Freuden bereitet
hatte, aber wer beschreibt ihr noch größeres Entsetzen, als
sie plötzlich nachts nach der Beerdigung neben ihrem Schlafgemach
deutlich jemand in der angrenzenden Werkstatt poltern und laut werken
hörten! Es wurde ihnen bald klar, dass der unruhige Geist ihres Sohnes
im Grabe keine Ruhe finden konnte und jetzt jede Nacht herumspukte. Ihre
stille Hoffnung, das würde sich mit der Zeit legen, erfüllte
sich leider nicht und so erzählten sie die Geschichte aus lauter
Verzweiflung ihrem Pastor.
Der Geistliche hörte sich alles an und riet: "Liebe Leute, wenn
in der nächsten Nacht der Spuk sich wieder hören lässt,
so rufet dem Geist zu, dass ihr ihm alles Leid vergebet und er wird sicher
wieder verschwinden."
Sie befolgten den Rat und tatsächlich verschwand der Spuk für
alle Zeiten. Nicht so die schwarzen Füße, die ...
Klaus Schulze
mit den schwarzen Füßen
... einst ein Mann namens Klaus Schulze, der, aus welchem
Grund auch immer, Klaus Ule (Ule eventuell die Eule) genannt wurde, zeitlebens
nicht wieder rein bekam. Er trat als ein Gotteslästerer auf und spottete
über die braven Salzwedeler Kirchgänger. Man sagte ihm nach,
dass er schon dreizehn Jahre lang nicht in der Kirche zum heiligen Abendmahl
gewesen sei.
Irgendwann muss Schulze-Ule es dann doch zu toll getrieben haben mit seiner
Gottlosigkeit, jedenfalls bestrafte ihn der Herr für alle Zeit damit,
dass seine Füße plötzlich kohlrabenschwarz wurden und
sich selbst mit geweihtem Wasser nicht wieder rein waschen ließen.
Der Schreck fuhr dem Sünder bis in die schwarzen Zehen, er kam zur
Einsicht, änderte seinen liederlichen Lebenswandel und bekehrte sich
wieder zum Gottesglauben.
Wenn auch mit schwarzen Füßen, die trotzdem nicht weiß
wurden, aber das ist immer noch besser, so sagten es alle, die davon hörten,
als mit einer schwarzen Seele, wie sie sicher der Glockengießer
aus Salzwedel hatte, der ....
Der jähzornige Glockengießer aus Salzwedel
.... im Jähzorn seinen Gesellen umbrachte. Die Erinnerung
an ihn lebte bis heute fort, denn zwischen Rahde und Wittingen steht ein
großer Stein, der Glockenstein genannt wird. Eine Sage berichtet,
dass er zur Erinnerung an diese schreckliche Mordtat aufgestellt wurde.
Der Glockengießermeister aus Salzwedel sollte für die Kirche
in Wittingen, der Ort gehörte bis 1350 noch zum Territorium der Altmark,
eine neue Kirchenglocke fertigen. Er hatte aber schon beim ersten Guss
Schwierigkeiten, auch der zweite Versuch schlug fehl. Beim dritten Mal,
als alles erneut zum Guss vorbereitet war, fiel ihm plötzlich ein,
dass noch einige "wunderbare" Zutaten fehlen würden und
er lief hastig in Richtung Salzwedel los, um sie zu holen. Was er für
Wundermittel beschaffen wollte, ist nicht überliefert, aber vielleicht
hätte ihm selbst ein Wunder nicht wirklich helfen können.
Sein geschickter und aufgeweckter Geselle, der längst wusste, was
sein Meister falsch gemacht hatte, ergänzte nun, als er allein war,
einfach das Werk und auch ohne Zauberei gelang es ihm, eine prächtige
Kirchenglocke herzustellen.
Als der Meister zurück kam und sah, wie sein Geselle den Guss ohne
Probleme vollendet und eine richtig prächtige Glocke hergestellt
hatte, fand er erst keine Worte, dann packte ihn jedoch rasender Neid
und eine gewaltige Wut und ohne lange zu zögern oder zu überlegen
erstach er im Jähzorn seinen Gesellen.
Der große Stein an der Mordstelle wird zur Mahnung Glockenstein
genannt, es gibt immer wieder große Steine, Findlinge, die Namen
bekommen haben und um die sich Geschichten und Sagen ranken. So auch um
den Schäferstein im Wendland.
..In der Nähe von Lübbow lebte einst ein wohlhabender
Schäfer, der viele Schafe, aber keine Frau besaß. Er suchte
lange, endlich fand er eine, die ihm über alle Maßen gefiel.
Doch leider stammte sie aus dem Herrschaftsbereich des Markgrafen von
Salzwedel und war eine Christin, er aber war noch ein ungläubiger
Heide. Seine Liebe zu ihr war jedoch so groß, dass er sich auf den
Rat eines alten Eremiten hin sofort zur christlichen Kirche bekehren ließ.
Sagt doch das Sprichwort: Eine Frau zieht mehr als sechs Ochsen! Die heidnischen
Götter, die das Wendland damals noch nicht aufgegeben hatten, erzürnten
darüber gewaltig und straften ihn, indem sie seine Schafe jämmerlich
verenden ließen. Schließlich konnte er seine Frau nicht mehr
ernähren und schickte sie zu ihren Eltern zurück. Aus blinder
Wut erschlug er dann den Eremiten, der ihm zum Glaubenswechsel geraten
hatte und wurde daraufhin von der Erde verschlungen. Welcher Gott dafür
verantwortlich war, ist unbekannt. An derselben Stelle stieg jedoch der
"Schäferstein", ein mächtiger Stein, aus der Erde
empor und erinnert noch heute an diese "Glaubensgeschichte".
Nach einer anderen Version - Sagen haben oft mehrere Eltern! - warf ein
heidnischer Gott den gewaltigen Stein auf den Schäfer und tötete
ihn, bevor er das christliche Mädchen überhaupt freien konnte.
Egal, wie es sich auch zugetragen hat, der Schäferstein bei Lübbow
bezeugt die Geschichte auch ohne viele Worte. Viele Sagen sind oft nur
kurze Überlieferungen, manchmal werden sie bei jedem Wiedererzählen
umfangreicher. Ähnlich den Flüssen, die durch Kanäle mit
Wasser gespeist werden.
Der seltsame Streit um den Dumme-Kanal
Salzwedel liegt an der Jeetze, dem Fluss, der großen
Anteil daran hatte, dass die Handels- und Hansestadt einst zu den bedeutendsten
der Mark Brandenburg gehörte und sogar einen Hafen besaß. Die
vorausschauend denkenden Salzwedeler hatten wohl bereits im 13. Jahrhundert
die Dumme, so heißt ein anderer altmärkischer Fluss, geteilt
und mit einem Kanalbau von Wieblitz nach Salzwedel geleitet und so unter
anderem die Schiffbarkeit der Jeetze verbessert. Nahe der Einmündung
lag der Hafen und wird der Bereich noch heute so bezeichnet.
Eine alte Sage lässt uns wissen, dass beim Graben des Dumme-Kanals
die gesamten Dorfbewohner der Altmark auf Befehl des Landesherren zum
Graben gezwungen werden mussten, weil sie sich gegen diese zusätzliche
schwere Arbeit gewehrt hatten. Später, nach Abschluss der Arbeiten,
werden sie sicher doch zufrieden gewesen sein, denn die sonst häufigen
Überschwemmungen der Viehweiden ließen nach und sie machten
eigentlich auch Gewinn aus dieser Sache. Jedenfalls diejenigen, die ihre
Weiden im Bereich des Flusslaufes hatten.
Ganz anderen, nämlich unrechtmäßigen Gewinn wollten Salzwedeler
einst aus einem Vertrag mit einem Teufel machen, keinem echten, aber einem
so benannten Räuberhauptmann. Sein Name taucht ...
... in einer Urkunde von 1357 auf. Hier wird ein Vergleich
des Markgrafen Ludwig der Römer mit den Bürgern der Neustadt
Salzwedel angesprochen: "Den lieben getreuen Rathmannen und gemeinen
Bürgern der Stadt wird es verziehen, dass sie einen verfesteten Mann,
namens Düvel (Teufel), gegen des Markgrafen Hofleute in Schutz genommen
haben."
Eine Sage weiß nun, dass die Neustadt Salzwedel eine namhafte Summe
Geldes zur Strafe zahlen musste, weil sie einen berühmt-berüchtigten
Räuber Albrecht Schewenschütt (Scheibenschütze), mit dem
Beinamen des Düvel von Soltwedel, in ihren Mauern geduldet, ja sogar
bei der Verwertung seines Raubes unterstützt habe. Der Hehler ist
genau so zu bestrafen wie der Stehler!
Einer anderen Version nach soll der Räuber sogar für die Salzwedeler
Bürger gearbeitet haben. Das würde einem tollen Streich gleich
kommen, der eines Eulenspiegels würdig gewesen wäre. Doch der
bekannte Narr meldete sich nie aus Salzwedel, aus welchen Gründen
auch immer. Obwohl, eine Geschichte gibt es, die beginnt so:
Wie Eulenspiegel drei Schneidergesellen zu Boden fallen ließ
"Als Till Eulenspiegel durch die Altmark zog, kam
er auch nach Salzwedel, und da es ihm hier sehr gut gefiel, blieb er eine
Woche nach der andern und trieb mit den Bürgern seine Schelmereien."
Dass der bekannte Spaßmacher auch Nachahmer hatte, merkte er bald,
denn drei Schneidergesellen in der Altstadt Salzwedel, die ihr Handwerk
an heißen Sommertagen vor der Werkstatt auf einer hölzernen
Bühne ausübten, neckten Vorübergehende und besonders ihn,
wenn er vorbeikam. Schließlich ging ihre Fopperei so weit, dass
sie begannen mit Stoffresten und später sogar mit Steinen zu werfen.
Längst hatte Till eine Idee und nun war die Zeit gekommen, die drei
übermütigen Gesellen reinzulegen. In der Nacht vor dem nächsten
Markttag sägte er heimlich die vier Pfähle an, die die Bühne,
auf der sie am Tage ihr Handwerk ausübten, hielten.
Wieder setzten sich die Gesellen am nächsten Morgen auf ihren Platz
und genossen den Trubel um sich her, denn der Markt füllte sich mit
Händlern und Kauflustigen, Männern, Frauen und Kindern.
Der Schweinehirt begann ebenfalls sein Tagwerk, er blies ins Horn und
die Schweinebesitzer ließen ihre Tiere auf die Straße laufen,
damit er sie zur Weide treiben konnte. Auch der Schneider öffnete
sein Tor und die freigelassenen Tiere scheuerten sich kräftig an
den Holzpfosten, wie sie es jeden Morgen taten. Doch diesmal gaben diese
nach und krachend stürzte die Bühne zu Boden. Mit den Brettern
landeten auch die drei Schneidergesellen im Straßenstaub und Eulenspiegel,
der auf diesen Moment gewartet hatte, rief laut: "Seht doch, Leute,
da hat der Wind gerade drei Schneider vom Tisch geweht!" Alles lief
herbei und lachte und spottete über die sich mühsam aufrappelnden
Schneider.
Als diese später die angesägten Pfosten fanden und ahnten, wer
hinter der Sache steckte, erkannten sie den Denkzettel, den Till ihnen
gegeben hatte und in Zukunft ließen sie ihn und auch die anderen
ohne Hohn- und Spottreden oder sogar handfesteren Anwürfen an ihrem
Platz vorbeigehen.
Auch wenn man diese Geschichte schon in Bernburg gehört haben sollte,
in Salzwedel, wo die Gewandschneidergilde einst eine Macht darstellte,
hätte sie natürlich auch passieren können...
Denn passieren kann viel, davon hätte eine Salzwedeler Magd auch
viel erzählen können, aber sie fürchtete sich zu sehr.
Salzwedel erhielt im Jahre 1314 das Münzrecht und
durfte bis 1488 eigenes Geld schlagen. Die Alte Münze in der Altperverstraße
erinnert daran.
Im Nachbarhaus wurde einst ein Waschtag vorbereitet, die Magd sollte nachts
aufstehen und den Kessel vorheizen. Das Mädchen fand keine Kohlen
vor und ging zum Nachbarhaus, der Münze, die ein Brauhaus geworden
war, um sich dort aus dem Ofen ein paar glühende Kohlen zu holen.
Doch die Kohlen erloschen in ihrem Ofen, auch der zweite Versuch schlug
fehl. Sie wurde ärgerlich und lief ein drittes Mal zum Nachbarhaus.
Wieder nahm sie eine Schippe voll Glut, aber als sie das Brauhaus verlies,
schlug hinter ihr die Tür von alleine so heftig zu, dass sie beinahe
eingeklemmt worden wäre. Im gleichen Augenblick begann die Rathausturmuhr
ein Uhr zu schlagen. Sie erschrak und musste plötzlich an Spuk und
Zauberei denken. Hastig eilte sie nach Hause, warf Kohlen und Schippe
auf den Küchenboden und verkroch sich tief unter der Bettdecke. Am
nächsten Morgen war sie kaum aus dem Bett zu kriegen, so müde
war sie noch. Schnell lief sie in die Küche, doch da fand sie keine
Kohlen mehr vor. Die Herrschaft hatte schon aufgeräumt. Doch wie
staunte sie, als sie in der Ecke beim Fegen ein paar goldene Münze
entdeckte. Sofort fielen ihr die nicht brennenden Kohlen ein und sie wusste,
warum diese bei ihr nicht hatten brennen wollte. Sie hatte in der Gespensterstunde
Goldmünzen ins Haus gebracht. Nur sie konnte sich ausmalen, weshalb
ihre Herrschaft plötzlich in den kommenden Jahren so wohlhabend wurde.
Aber sie wagte nicht, es zu berichten, vielleicht würden sich die
wahren Besitzer des Goldes rächen? Sie hatte nur lange eine Riesenwut,
wenn sie daran dachte, dass ja eigentlich ihr das Gold gehören müsste.
Womit sich der Sagenkreis schließt und wir mit der "Riesenwut"
wieder bei dem Riesen Jan Kahle wären und seinem Steinwurf, mit dem
er den Salzwedeler Bürgern das Fürchten lehren wollte.
Viele Wege führen nach Salzwedel... nehmen sie diesen ersten Satz
der Salzwedeler Sagen und sagenhaften Geschichten als Einladung, uns zu
besuchen. Wir freuen uns auf ihren Besuch und erzählen ihnen gern
noch viel viel mehr über unsere "sagenhafte" Stadt.
Literaturquellen und weiterführende Literatur
Sagen aus der Altmark. 1. Sonderheft des Altmarkboten. Salzwedel 1962.
Pohlmann, Alfred: Sagen aus der Wiege Preußens und des deutschen
Reiches, der Altmark. Neu bearb. u. neu gesammelt von Alfred Pohlmann.
Stendal 1901, Reprint 1976 Pohlmann, A.W., Geschichte der Hansestadt Salzwedel...,
Halle, 1811. Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange
von Gebräuchen und Aberglauben, gesammelt und hrsgg. von Adalbert
Kuhn, Berlin, 1843, Nachdruck von 1973. Neuling, A., Sagen und Legenden
der Altmark. Neu erzählt. Salzwedel 1987. Hanns H.F. Schmidt: Das
große Sagenbuch der Altmark, Teil 2. Oschersleben 1994. Beranek,
J. , Altmärkische Sagengestalten, Altmarkbote, Jahrgang 1958. Beranek,
J., Wie Eulenspiegel einmal drei Salzwedeler Schneidergesellen ihren Spott
heimzahlte, Altmarkbote, Jg. 1961, Heft 6, S. 178. Altmärkischer
Heimatkalender, Salzwedel, 1972-90, mehrere Jahrgänge
© Hansestadt Salzwedel - An der Mönchskirche 5 - 29410 Salzwedel