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Aus der Vergangenheit der Freydanck'schen Villa ...

  • 1904 Brauereibesitzer Hermann Freydanck

Die Freydanck'sche Villa verdankt ihre Bezeichnung dem Brauereibesitzer Hermann Freydanck. Im Jahr 1904 ließ er für sich und seine Familie ein ansehnliches Wohnhaus am Neuperver Tor errichten. Am Ende des weitläufigen Grundstückes befand sich damals das Gelände der von ihm und Fr. W. Meyer gegründeten Bergschloss-Brauerei. In den Bauunterlagen zeichnet sich der Königliche Baurat Hugo Prejawa verantwortlich für die Bauplanung und -durchführung, die von Januar 1904 bis Januar 1905 andauerte.

Bierbrauen ist ein einträgliches Geschäft und deshalb war der Herr Freydanck finanzkräftig genug, um nach der neuesten Mode zu bauen und außerdem seine Gestaltungswünsche als Kunstliebhaber einfließen zu lassen.

So gibt es die typischen Merkmale des Jugendstils neben den Elementen der griechisch-römischen Kunst - im Hause ziehen Marmorsäulen, Stuckdecken, verzierte Treppengeländer, ornamentreiche Fußbodenfießen und übreall Blüten und Blätter die Blicke auf sich. An der Außenfront zeigt sich ein aufwendig gestalteter Giebel. Eben solche Klinkerelemente finden sich auch an der norddeutschen Backsteingotik und könnten an Salzwedels Mitgliedschaft in der Hanse des Mittelalters erinnern. Auffällig ist ebenfalls der kleine dreieckige Erker mit seinen grün glasierten Turmschindeln.

Neben der Eingangstür prangte einst das bekannte Relief "Geburt der Venus" nach Botticelli. Leider ist es mit unbekanntem Datum verschwunden. Alle anderen Elemente können auch heute nach über 100 Jahren fast unversehrt betrachtet werden.

Hermann Freydanck verstarb am 13.10.1919 im Alter von 73 Jahren. Für etwa zehn Jahre wurde die Villa vermietet oder verkauft, laut Adressregister an Oberstaatsanwalt i. R. Heinrich Gödicke.

  • 1931 - 1963 Arzt Dr. Walter Freydanck

Der Sohn des Brauereibesitzers, Walter Freydanck (geb. 1894), hatte Salzwedel verlassen, um zu studieren und sich in der Welt umzusehen. Er wurde Internist und kehrte im Jahr 1927 nach Salzwedel zurück. Zuerst praktizierte er "Am Chüdenwall", zog aber 1931 in die Villa "Vor dem Neuperver Tor 2" ein. Dort richtete er sich im Parterre eine Praxis mit modernem Röntgengerät ein.

Als Sprechstundenhilfe kam das junge Fräulein Elsa in die Praxis. Mit den Jahren wurde sie dort unentbehrlich, was auch der Doktor erkannte. Walter und Elsa heirateten. Die "Frau Doktor" liebte das Bridge-Spiel. Regelmäßig traf sie sich mit den anderen angesehenen Damen der Stadt wie der Frau Stadtbaurat Hartleb. Während des Weltkrieges im Jahr 1943 wurde in den Räumen der Villa ein Reservelazarett eingerichtet. Auch Dr. Freydanck bracht hier sein Kännen als Arzt ein, um den Verwundeten zu helfen. Nach mehr als dreißig Jahren schloss die Hausarztpraxis des Dr. Freydanck. Manche Salzwedeler Einwohner können sich noch daran erinnern, dort behandelt worden zu sein. Walter Freydanck verstarb am 06.10.1961. Seine Frau verkaufte das Haus und zog nach Hamburg.

  • 1963 - 1989 Kinderkrippe

Der Kreis Salzwedel nahm sein Vorkaufsrecht wahr. Die wunderschöne Villa ging damit in den Besitz des Landkreises über und sollte vin nun an, dem Wunsch des Doktors entsprechend, für soziale Zwecke genutzt werden. Es wurde dem Gesundheitsamt unterstellt und beherbergte in den ersten Jahren ein Kinderheim. Ab 1965 wurde die Villa zur Kinderkrippe umgestaltet. Säuglinge und Kleinkinder wurden hier tagsüber betreut, damit ihre Mütter einem Beruf nachgehen konnten. Ein Vierteljahrhundert blieb diese Kindereinrichtung im Haus. Viele Kinder haben ihre ersten drei Jahre in der Freydanck'schen Villa gespielt, gegessen, geschlafen und gelacht. Vielleicht entstanden hier sogar erste Freundschaften.

Über die Jahre fungierte diese Einrichtung auch als Lehrausbildungsstätte, so dass eine große Anzahl junger Mädchen hier den Beruf der Kindererzieherin erlernten. Manche Erinnerungen daran findet sich in ihren Fotoalben wieder. Wegen der kommunalen Aufgabenverteilung wechselte im Jahr 1979 das Gebäude dre Kinderkrippe den Eigentümer. Die Villa ging in den Besitz der Stadt über. Leider zeigten sich mit den Jahren die Auswirkungen der DDR-Mangelwirtschaft auch an der ehemals so schönen Villa. Das Äußere und Innere des Hauses verfielen zusehends, die Einrichtung entsprach keinem Standard mehr. Selbst die Erzieherinnen versuchten mit Protestaktionen darauf aufmerksam zu machen. Im Frühjahr 1989 war es dann endlich soweit: Die Krippenkinder wurden in andere Einrichtungen verteilt. Die vaufällige Veranda wurde abgerissen. An ihrer Stelle sollten ein Anbau mit neuen Sanitäranlagen und einem Abstellraum für die Kinderwagen entstehen. Die Bautätigkeit war in vollem Gange, als es am 09.11.1989 hieß: Die Grenzen sind offen!

Der Bau wurde sofort gestoppt. Überall in der DDR tauchten Vorbesitzer, Eigentümer oder sonstige Personen aus Westdeutschland auf, die Ansprüche auf Gebäude und Grundstücke erhoben. Und obwohl die Eigentumsfrage der Feydanck'schen Villa unstrittig war, wartete man erst einmal ab. Das Haus stand ungefähr vier Jahre leer und weckte viele Begehrlichkeiten. Der Verkauf des Hauses an Privatpersonen wurde mit kanppen Ergebnis im Stadtrat verhindert. Im Jahr 1991 erhilet die Freydanck'sche Villa den Status eines Baudenkmals.

  • 1989 - 1996 Leerstand und Umbau

Jetzt kommt die Salzwedeler Bibliothek ins Spiel. Seit Jahren schon war ihre Gebäudesituation unbefriedigend. Aufgeteilt auf drei Standorte für die Erwachsenenbibliothek , die Kinderbibliothek und die Verwaltung war die Bibliotheksleitung seit langem auf der Suche nach einem passenden Haus, das diese Bereiche vereinen würde.

Zur Diskussion standen vier in Frage kommende Gebäude. Nach ausgiebiger Prüfung beschloss der Kultur- und Bildungsausschuss der Stadt Salzwedel am 08.12.1992 einstimmig, die Projektierung der Bibliothek im Objekt "Vor dem Neuperver Tor 2" in Auftrag zu geben.

Nun hieß es, Gelder für den Umbau zu beschaffen. Mit Fördermitteln des Landes Sachsen-Anhalt und der Unterstützung durch den Landkreis wurde die große Aufgabe von der Stadt Salzwedel geschultert. Im Herbst 1994 begann der Umbau der Freydanck'schen Villa zur Bibliothek.

Die Bibliotheksleiterin Heidi Urban erwies sich als aufmerksame Bauherrin. Ihre Präsenz trug unbestritten dazu bei, dass die vielen Original-Elemente der unverwechselbaren Architektur des Hauses erhalten blieben bzw. hervorragend restauriert wurden. 

Nach zwei Jahren, in denen zum Beispiel 

- der alte angefangene Anbau wieder abgerissen wurdem um einen neuen, passenden zu errichten, 

- der Dachboden von zwei großen Schornsteinen befreit und als Veranstaltungsraum umgebaut werden konnte,

- im ehemaligen Kohlenkeller die Fußböden tiefer gelegt werden mussten, um Arbeitsräume zu schaffen,

- es möglich wurde, einen Fahrstuhl bis unters Dach zu bauen, 

- die Feinarbeiten an den Stuckdecken die Nerven der Maler kosteten

- und ein Computernetz durch alle Räume gelegt werden musste,

kurz gesagt, in denen es aufregend, kräftezehrend, aber immer vowärts ging, endete die Bauzeit im Frühjahr 1996.

  • 1996 Bibliothekseröffnung

Mit viel Prominenz fand die Eröffnungsveranstaltung am Samstag, dem 11.05.1996 statt. Am Montag darauf öffnete das Haus für die Bibliotheksbesucher, die lange auf diesen Tag gewartet hatten und nun ihre Bibliothek "stürmten".

Nur kurze Zeit hatte die "alte" Bibliothek für den Umzug der Bücher und Materialien ins neue Domizil geschlossen. Alle Mitarbeiterinnen packten tatkräftig mit an. Da es ein klares Einrichtungskonzept gab, lief das Ganze geordnet ab. Jedes Buch fand seinen vorhergesehenen Platz.

Im neu entstandenen Anbau wurde ein Teil der Kinderbibliothek untergebracht. Hier fiel die farbenfrohe kindgerechte Einrichtung auf, das Sonnensegel und die vielen Büchertröge zum Stöbern. 

In der oberen Etage konnte im Anbau ein Leseraum mit einem großen Tisch und 16 Stühlen entstehen. Gleich neben dem Sachbuch-Raum nutzen ihn Schüler oder Studenten gern zum Arbeiten. Die Räume mit den Romanen, Zeitschriften, CDs und Filmen wurden mit Sitzgruppen aufgelockert und laden zum Verweilen ein. 

Der Dachboden mit seiner Holzverkleidung und den rustikalen Balken wird seither für die unterschiedlichsten Veranstaltungen genutzt. Gleich zum Einzug gestalteten zwei Künstler das literarisch-musikalische Programm "Gespräch über den Dächern" über den früh verstorbenen Schriftsteller Wolfgang Borchert. Bereits zwei Wochen später traf die Grande Dame der DDR-Lyrik Eva Strittmatter in diesem Raum auf begeisterte Gäste.


(Quelle: Broschüre "Freydanck'sche Villa in Salzwedel - Ihre Geschichte und Geschichten", anlässlich des 20 jährigen Jubiläums der Stadt- und Kreisbibiothek in der Freydanck'schen Villa, Text: Bettina Mühe)